Photography . Gletscher-Projekt . Weiss war der Schnee
Weiss war der Schnee
Fotografien Vom schMELZEN der Gletscher
Seit 2018 fotografiere ich die sich wandelnden Farben und Strukturen von schmelzendem Schnee und Eis auf den Alpengletschern – insbesondere auf jenen, die mit großfächigen Vliesplanen aus Kunststoff abgedeckt werden, um die Gletscherschmelze zu verzögern. Die Fotografien zeigen die Spuren des Gletscherrückgangs, des Gletschersterbens und des Klimawandels mittten in Europa. Der Schweizer Rhonegletscher ist mein Ausgangspunkt der Landschaftsfotografien, welche ich zum Beispiel am Diavolezza im Engadin, am Presena-Gletscher in Südtirol, auf der Wildspitze in Tirol und auf dem nördlichen Schneeferner der Zugspitze fortgesetzt habe.
Seit 18 Jahren werden weiße Vliesplanen eingesetzt, um die Eisgrotte am Rhonegletscher vor dem heißen Klima zu schützen und so den Erhalt dieser 150 Jahre alten Touristenattraktion, um einige Jahre zu verlängern. Doch trotz der jährlichen Erneuerung der Abdeckungen und des immer tiefer in das Eis hineingeschnittenen Grottengangs, hingen die Vliesplanen im heißen Sommer 2021 tief in die Eighöhle herab: Nahezu das gesamte Eisdach der Grotte war aufgetaut, sodass die Planen mit Holzbalken wie in einem Bergwerk abgestützt werden mussten. Im Sommer 2026 ist die Eisgrotte geschmolzen und wird auch nicht mehr erneuert. Der Rhonegletscher ist innerhalb von 8 Jahren über 300 m sehr rapide zurückgegangen. Und es tut sich eine neue, postglaziale Felsenlandschaft mit einem immer größer werdenden Gletschersee und einer dunkler werdenden Gletscherzunge auf.
Am Rhonegletscher konnte ich faszinierende Innen- und Außenansichten der Eisgrotte fotografieren – mit ihren zerfetzten, verschmutzten Tüchern und den zunehmend dünner werdenden Eis. Im Gletscher habe ich mich direkt unter die glasdünnen Eisschichten mit ihren ersten Eislöchern begeben. Im Gegenlicht der Sonne werden unzählige Luftblasen sichtbar und de gelb-orange leuchtenden Planen schimmern durch das kristallklare Eis. Die aus unzähligen Mikrofasern bestehenden Kunststoffplanen und das jahrhundertealte Eis sind kaum noch voneinander zu unterscheiden. Sie zeugen von einem aussichtslosen Kampf gegen die Folgen des Klimawandels und verschmutzen das Quellwasser der Rhone mit Mikroplastik.
Das Schmelzen von Eis und Schnee wird durch zwei weitere farbige Naturphänomene beschleunigt, die ihrerseits durch die globale Erwärmung verstärkt auftreten. Am Presena-Gletscher fotografierte ich rosafarbenen „Blutschnee“ – verursacht durch eine Algenblüte. Und ockerfarbener Saharastaub bedeckte große Schnee- und Eisflächen auf den Gletschern der Wildspitze (Pitztaler Gletscher, Taschachferner, Mettelberggletscher). Aufgrund ihrer dunkleren Färbung reflektieren beide Phänomene weniger Sonnenwärme (Albedo-Effekt) und beschleunigen so den Schmelzprozess.
Auf dem höchsten Berg in Deutschland, der Zugspitze, hat sich der mittlere Bereich des Nördlichen Schneeferners grau-schwarz verfärbt. Von 1993 bis 2012 wurde die Skipiste auf diesem Gletscher jeden Sommer mit einer weißen LKW-Plane abgedeckt, um das Eis vor dem zunehmend wärmeren Klima zu schützen (sogenanntes „Snow Farming“). Seit 2013 wird der Nördliche Schneeferner jedoch nicht mehr abgedeckt, sodass sich dunkler Schmutz und fossiler Feinstaub aus vergangenen Jahrzehnten in seiner Mitte ansammeln (Kryokonit). Seine Zeit als Gletscher wird in den kommenden Jahrzehnt zu Ende gehen. Im Frühjahr 2026 wurde die Seilbahn gesprengt.
WHITE WAS THE SNOW
PHOTOGRAPHS OF THE MELTING GLACIERS
Since 2018, I have been photographing the changing colors and textures of melting snow and ice on the Alpine glaciers—especially those covered with protective plastic blankets. All of this reveals the traces of the melting process, glacial retreat, and climate change right in the heart of Europe. The Swiss Rhône Glacier is my starting point for this series of landscape photographs, which I have continued, for example, at Diavolezza in the Engadin, on the Presena Glacier in South Tyrol, on the Wildspitze in Tyrol, and on the Northern Schneeferner of the Zugspitze.
For 18 years, white nonwoven tarps have been used to protect the ice grotto on the Rhone Glacier from the hot sun, thereby extending the life of this 150-year-old tourist attraction by a few years. But despite the annual replacement of the covers and the grotto passage being cut deeper and deeper into the ice, the fleece tarps hung low into the ice cave during the hot summer of 2021: Nearly the entire ice roof of the grotto had melted, so the tarps had to be supported with wooden beams—just like in a mine. By the summer of 2026, the ice grotto had melted and will no longer be restored. The Rhone Glacier has retreated very rapidly by over 300 meters in just 8 years, giving way to
a new, postglacial rocky landscape unfolds before me, featuring a glacial lake that keeps growing and a glacier tongue that keeps getting darker.
At the Rhone Glacier, I was able to photograph fascinating interior and exterior views of the ice grotto—with its tattered, soiled tarps and the ice growing increasingly thin. Inside the glacier, I ventured directly beneath the paper-thin layers of ice with their first ice holes. Backlit by the sun, countless air bubbles become visible, and the yellow-orange tarps shimmer through the crystal-clear ice. The plastic tarps, made up of countless microfibers, and the centuries-old ice are now almost indistinguishable from one another. They bear witness to a hopeless battle against the consequences of climate change and are polluting the Rhône’s spring water with microplastics.
The melting of ice and snow is accelerated by two other colorful natural phenomena, which are themselves becoming more frequent due to global warming: pink “blood snow”—caused by an algal bloom—and ochre-colored Saharan dust are increasingly covering the snow and ice surfaces of the Alps. Because of their darker color, both phenomena reflect less solar heat (albedo effect), thereby accelerating the melting process.
On Germany’s Zugspitze, the central section of the Northern Glacier (Schneeferner) has turned grayish-black. From 1993 to 2012, the ski slope on this glacier was covered every summer with a white truck tarp to protect the ice from the increasingly warmer climate (a practice known as “snow farming”). Since 2013, however, the Northern Schneeferner has no longer been covered, so that dark dirt and fossil-based fine dust from past centuries are now accumulating in its center (cryoconite). Its existence as a glacier will come to an end in the next one to two decades.