thomas wrede

Rainer Danne: Vorwort zum Katalog Strange Paradise (german)

Vorwort zu dem Fotobuch "strange paradise"

von Rainer Danne

"Wie kann also ein Ding uns wirklich erscheinen, wenn die Synthese niemals abgeschlossen ist ... Wie kann ich die Welt als ein tatsächlich existierendes Individuum erfahren, wenn keine der Perspektiven, unter denen ich sie betrachte, sie zu erschöpfen vermag und die Horizonte immer offen sind? ... Der Glaube an das Ding und die Welt muss die Annahme einer abgeschlossenen Synthese mit einschließen - und doch wird dieser Abschluss unmöglich gemacht durch die Natur der zu korrelierenden Perspektiven selbst, weil jede von ihnen durch ihre Horizonte ständig auf andere Perspektiven verweist ... Der Widerspruch, den wir zwischen der Realität der Welt und ihrer Unabgeschlossenheit finden, ist derselbe wie zwischen der Allgegenwärtigkeit des Bewusstseins und seinem sich Engagieren in einem Gegenwartsfeld ... Diese Ambiguität ist nicht eine Unvollkommenheit des Bewusstseins oder der Existenz, sondern die Definition davon ..."

Analog zu Merleau-Pontys Definition der Wahrnehmung als unabschließbaren Vorgang sich permanent verändernder Perspektiven lässt sich Thomas Wrede in seiner konsequenten Auseinandersetzung mit dem Rahmenthema Landschaft von immer neuen Aspekten und Facetten leiten, wobei er die ästhetische Srategie und das fotografische Konzept den jeweiligen Bildentwürfen anpasst.

Mit Strange Paradise beweist er einmal mehr, dass er ein Meister des subtilen, visuellen Vexierspiels zwischen Modell und Wirklichkeit ist. Die wundersame, simulakre Inszenierung von Landschaftsversatzstücken in überhöhten Modellkulissen im Kontrast mit unwirklich anmutenden, entrückten Küstenlandschaften, die das Individuum romantisch miniaturisieren, kreieren Bildwelten, die gleichsam vertraut und fremd anmuten. Das Fehlen von Größenrelationen erzeugt, ohne jede digitale Manipulation, optische Täuschungen, die die Wahrnehmung schwimmen lassen - ein Gauklermärchen, dem Stimmungen wie Weite, Ruhe, Offenheit, Sehnsucht aber auch Angst und mögliche Bedrohung zugeordnet sind. Der künstlichen Augenblicklichkeit der Fotografie folgt die Künstlichkeit der Inszenierung. Im Spannungsfeld zwischen der dokumentarischen Grundfunktion des Mediums und seiner künstlerischen Brechung gelingen Thomas Wrede überzeugende bildnerische Statements zur Frage nach Bild und Abbild. Am Ende wird der Widerstreit zwischen Realität und Illusion durch die perfekte ästhetische Evidenz des Bildes entschieden, das seine eigene gültige Wirklichkeit setzt.

Mit der vorliegenden Publikation und der begleitenden Ausstellung werden die neueren Bildserien von Thomas Wrede erstmalig zusammenfassend dargestellt.

Allen Beteiligten, die an der Realisierung des Projekts mitgewirkt haben, gilt der Dank des Künstlers und der beteiligten Institutionen. Besonderer Dank gebührt der Firma Dornbracht für die großzügige Unterstützung der vorliegenden Publikation und der Ausstellung.