thomas wrede

Josef Spiegel: Domestic Landscapes, New York Cont. Art Report (deutsch)

 

Die wundersamen Landschaftsbilder von Thomas Wrede

New York Contemporary Art Report, Dezember 2000 - Januar 2001

 

Dr. Josef Spiegel

Die Fotoserie Domestic Landscapes ist in Privatwohnungen entstanden. Der deutsche Künstler Thomas Wrede hat Fototapeten in Wohn- und Schlafräumen, in Badezimmern und Fluren in verschiedenen Haushalten abgelichtet.

Entstanden sind dabei keine dokumentarisch unterlegten Bebilderungen über die bundesdeutsche Wohnkultur, sondern wundersame Landschaftsaufnahmen. In ihnen gehen Teile des Mobiliars eine eigenwillige Mixtur mit der fototapezierten Wand des jeweiligen Raumes ein. Innen- und vermeintlicher Außenraum ergþnzen sich zu einem Bild, wobei beide Teile absolut gleichbereichtigt behandelt werden. Es scheint, als wþren zwei oder mehrere Bildfolien stimmig übereinander geschoben. Das anscheinend nicht Zusammenfügbare wird in den Fotos spielerisch leicht zusammengeführt: ein Sofa mutiert zur Balkonbrüstung vor einem See und eine Tischlampe illuminiert das schneebedeckte Bergmassiv. Bildtitel wie "See mit Telefonregal", "Herbstlandschaft mit Weihnachtskerze " oder "Schreibtisch am Palmenstrand" unterstreichen diesen Zusammenhang.

Der Künstler liefert assoziationsreiche und vielschichtige Bilder. Auf den zweiten Blick offenbaren sie tiefere Ebenen, die den Betrachter immer wieder anhalten und verwundern lassen, ohne das der eigentliche Grund dafür erkennbar wþre. Des Rþtsels Lösung liegt in der Komplexitþt der Situation, die einfache Antworten nicht zulþßt. Wirklichkeit und Künstlichkeit, Innen und Außen, Wissen und Ahnung sind so ineinander verwoben, daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.

Die Fotoserie Magic Worlds ist in deutschen Vergnügungs- und Freizeitparks entstanden. In einer Art Typologie werden künstlich geschaffene Landschaften und versetzte Pseudoarchitekturen prþsentiert: die Freiheitsstatue mit Schwarzwaldhaus in der Lüneburger Heide (Nord-Deutschland) oder ein skandinavischer See im Schwarzwald (Süd-Deutschland).

Die weitgehende Zentrierung eines motivischen Gegenstandes, der hþufig leicht erhöhte Beobacherstandpunkt und die þhnlich diffusen Lichtverhþltnisse sind Merkmale der Arbeitsweise des Künstlers. Sie bewirkt, daß die spezifischen Orte austauschbar und damit beliebig werden, daß ein Typ von Landschaftsaufnahme entwickelt wird, der das Gemeinsame im Unterschiedlichen deutlich macht und dem Betrachter die Möglchkeit genommern wird, Größenordnungen und -verhþltnisse auszumachen. In den Bildern entsteht eine Welt en miniature, nicht unþhnlich den Eisenbahnmodellbauten.

Die Inzsenierungen der Vergnügungsparks weisen eine Schnittmenge zu beinahe archetypischen Sehnsüchten wie Heimat oder Abenteuer auf, aber sie gehen nicht darin auf. Folglich spielt der Künstler nicht Natur und Künstlichkeit, Sehnsucht und Wirklichkeit gegeneinander aus, sondern konfrontiert seine Fotoarbeiten mit den Bildern und Assoziationen, die im Kopf des Betrachters hervorgerufen werden. Daraus resultiert eine betrþchtliche Spannung.

Indem die Fotos ohne Menschen und die von ihm ausgehende Betriebsamkeit auskommen, entsteht eine Leerstelle zwischen unserer durch das Erlebnis geprþgten Vorstellung und den Fotos des Künstlers. Ähnliches bewirkt das in Szene gesetzte zusammengehen von vermeintlicher Natur und realer Pappmachelandschaft.

Es entsteht eine eigene Welt, die das Gefühl des Übergangs vermittelt, welches ein Dazwischen im wörtlichen und übertragenen Sinn thematiseirt. Dieses Gefühl löst sich nicht auf. Bei aller Analyse behalten die Bilder etwas aufregend Fremdes und fremd Vertrautes. Dieses Dazwischen heißt Ahnung.